Machen wir das alte Spiel nicht mehr mit!

Machen wir das alte Spiel nicht mehr mit!

Gepostet von am Jul 25, 2020 in Allgemein | Keine Kommentare

 

Ein Kommentar des Vorsitzenden des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Aachen, Dr. Karl Weber:

Die jüngst veröffentlichte Instruktion der vatikanischen Kleruskongregation zur Zukunft der Pfarreien schlägt hohe Wellen im katholischen Deutschland. Der Vorstand des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen stellt sich hinter die deutliche Positionierung von Prof. Thomas Sternberg. Der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken hatte das Papier und dessen Priesterbild als „abenteuerlich realitätsfern“ kritisiert. In einem Kommentar arbeitet Dr. Karl Weber, Vorsitzender des Aachener Diözesanrats, einige weitere  Linien im Umgang mit der Instruktion heraus.

„Der Vorgang als solcher überrascht mich nicht. Es ist das Jahrzehnte alte Muster der Obstruktion von Aufbrüchen katholischer Christ*innen in neue Zeiten: Arbeiterpriester in Frankreich, Befreiungstheolog*innen in Lateinamerika, der Streit um  Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland: Bedenkenträger, oft aus den eigenen Ortskirchen, und nachgeordnete vatikanische Behörden arbeiten Hand in Hand, wenn es darum geht, Aufbrüche zu verhindern. Das führt zur Wut und Empörung bei den sogenannten ‚Laien‘ (ebenfalls ein Wort aus einer überkommenen Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts) und zu einer maximalen Verunsicherung höherer Amtsträger: Können sie sich auf ihren Chef, auf ihren Kollegen verlassen? Die lang eingeübte Erfahrung sagt vielen von ihnen: Im Zweifelsfall eher nicht. Dann lieber wegducken, beredt schweigen oder Antworten auf nicht gestellte Fragen produzieren.

 

Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Aachen, Dr. Karl Weber

 

Allerdings spielen mittlerweile nicht mehr alle dieses Spiel mit. Die Frauen schon mal gar nicht. Aber auch unter den Männern im Amt brodelt es. Vor allem bei denen, die als Gemeindepriester im Alltag den institutionellen Reputationsverlust am eigenen Leib erfahren. Auch im Bistum Aachen.

Doch Empörung reicht nicht: Wir als sogenannte Laien müssen noch viel bewusster aus den fruchtlosen Kämpfen gegen realitätsferne Hierarchien aussteigen. Das heißt nicht Austritt, sondern eine Verlagerung auf Aktivitäten, die sinnvoller sind als der Kampf gegen Windmühlen.

Der Journalist Raoul Löbbert hatte letzte Woche noch vor der Instruktion in der ZEIT die derzeitige Gefühlslage so aufgeschrieben: ‚Es ist traurig, sehr traurig sogar. Denn der Katholizismus könnte anders sein. Freier. Mutiger. Besser zu sich selbst und zu anderen. ‚Warum macht ihr es einfach nicht?‘, frage ich deshalb gerne, wenn Amtsträger mir mal wieder mit der Leier kommen, dass sie ja gerne Frauen weihen und Homosexuelle segnen würden, aber leider, leider habe Rom ja entschieden. Denn mal ehrlich: Was könnte passieren, wenn ein, zwei, drei Amtsträger ihrem Glauben und Gewissen folgen würden, statt gehorsam zu sein?‘

‚Freier. Mutiger. Besser zu sich selbst und zu anderen‘: Das könnten auch Perspektiven für Christ*innen im Bistum Aachen sein. Dazu braucht es keine Instruktionen, sondern Sinnsucher*innen, die von den Erfahrungen des gelebten Christentums ausgehen, die Widersprüche und Gottesferne nicht wegbügeln, sondern selbstkritisch und aufmerksam ihren Weg gehen. Und Unterstützer*innen und Verbündete. Suchen wir sie!“

Hier erreichen Sie das Interview zur veröffentlichten Instruktion von domradio mit dem Präsidenten des Zentralkomitees Deutscher Katholiken, Prof. Dr. Thomas Sternberg.

 

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Bischof Ackermann – Foto: Bistum Trier

Auch für den Trierer Bischof Ackermann gibt es „eine Diskrepanz zwischen einer durchaus ansprechenden Vision von Pfarrei als Ort des gelebten Evangeliums und den Hinweisen zur konkreten Verwirklichung“ in der römischen Instruktion „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ (20. Juli 2020). Das hat der Trierer Bischof im Interview mit der Trierer Bistumszeitung „Paulinus“ und der Katholischen Nachrichten-Agentur heute erklärt:

Herr Bischof Ackermann, wie bewerten Sie das neue Vatikan-Dokument?

Das Dokument hebt sehr stark den Priester, insbesondere in der Rolle als Pfarrer hervor. Ich bin irritiert darüber, dass vom Thema Missbrauch und Prävention keine Spur zu finden ist. Es kommt kein Problembewusstsein zum Ausdruck, dass Pfarreien Orte von sexueller Gewalt waren und sein können. Wie kann eine Kongregation, die für den Klerus zuständig ist, im Jahr 2020 ein Dokument verfassen, in dem darauf nicht einmal Bezug genommen wird? Gerade als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für diese Frage stört mich das.

Die Inhalte des Dokuments waren Ihnen nach Ihren Gesprächen in Rom in Grundzügen bekannt. Für Sie also keine Überraschungen?

Für uns kam es weniger überraschend als für andere Bistümer, wirft aber dennoch viele Fragen auf. In dem Dokument stehen Aussagen unverbunden nebeneinander. Manches weist klar nach vorne, etwa wenn es heißt, die Pfarrei soll nicht in Strukturen erstarren oder auch Menschen außerhalb erreichen. Beim Lesen habe ich mich aber schon gefragt, was von unseren Realitäten und unseren Schwierigkeiten, die wir in Rom vorgetragen haben, verstanden wurde. Mehrfach ist die Rede von einer Kreativität, die für die Weiterentwicklung des pfarrlichen Lebens gewünscht ist. Das ist gut. Aber wenn man weiterliest, hat man den Eindruck, dass für Kreativität wenig Spielraum bleibt. Der Ton des Dokumentes, vor allem im zweiten Teil, lädt nicht dazu ein. Vielmehr werden Möglichkeiten für Veränderungen stark eingeschränkt.

Was heißt das?

Die Verantwortung des Volkes Gottes wird betont – aber wie das über die bekannten Formen hinaus gelebt werden soll, bleibt vage und wird in den Möglichkeiten eher reduziert. Im Papier heißt es, die Kirche werde auch durch den Fortschritt des gesellschaftlichen Lebens bereichert. Da gehören für mich unsere demokratische Kultur und auch die Stellung der Frau dazu. Also: Es besteht für mich eine Diskrepanz zwischen einer durchaus ansprechenden Vision von Pfarrei als Ort des gelebten Evangeliums und den Hinweisen zur konkreten Verwirklichung.

Papst Franziskus betont die Bedeutung der Synodalität und der Ortskirche. Dieses Anliegen erkenne ich in der Instruktion nicht. Im Gegenteil, ich sehe die Eigenverantwortung der Diözese und des Bischofs eingeschränkt. Natürlich werde ich im Dialog mit Rom bleiben – aber man muss die Dinge auch klar benennen.

Mit der Reform sind Bistum und Diözesansynode für eine neue Kultur von Kirche eingetreten, für Machtteilung, eine Aufwertung von Frauen und gegen Klerikalismus. Wird das durch die Instruktion unmöglich?

Es wird nicht unmöglich, aber die Instruktion setzt spürbar engere Grenzen – deutlicher noch, als es unsere Gespräche in Rom zuletzt erkennen ließen. Das Dokument ist da sehr prinzipiell. Andererseits bin ich zuversichtlich, dass sich mit Rom für die konkreten Situationen auch flexible Lösungen finden lassen. Und wir werden sicher nicht hinter einen Standard von Beteiligung zurückgehen, der schon lange Praxis ist. Wir bleiben auf der Spur in dem Sinne, dass wir die Anliegen der Synode in eine Realisierung bringen, die kirchlich ist. Nichts anderes hatten wir vor.

Um Macht, Sexualität und Missbrauch geht es auch bei den bundesweiten Reformgesprächen der katholischen Kirche. Wie soll es mit Blick auf das neue Vatikan-Papier mit dem Synodalen Weg weitergehen?

Wir gehen den begonnenen Weg weiter. Der Synodale Weg kann natürlich an der Instruktion nicht vorbeigehen und sicher wird das Dokument die Gespräche beeinflussen. Aber nicht in dem Sinne, dass wir nicht nach vorne denken müssen. Ich sehe das Papier nicht als Endstation. Es fordert vielmehr zu noch intensiveren Gesprächen mit Rom auf. Und zwar nicht nur von Seiten des Bistums Trier, sondern gemeinsam mit anderen Bistümern in Deutschland, die vor denselben Herausforderungen stehen wie wir.

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